Abschied mit schwerem Herzen nach 103 Jahren
Mit der Schließung vom Warendorfer Traditionsgeschäft „Pechers Spielparadies“ geht eine Ära zu Ende
Warendorf - Ein vertrauter Anblick verschwindet aus der Warendorfer Innenstadt: Das Traditionshaus „Pechers Spielparadies“ wird Anfang Mai seine Türen endgültig schließen. Mehr als ein Jahrhundert lang war das familiengeführte Fachgeschäft Anlaufstelle für Kinderträume, Geschenkideen und persönliche Beratung – nun endet diese Geschichte nach 103 Jahren.
Geschäftsführerin Marion Hölscher spricht im Gespräch mit Dein WAF offen über die Hintergründe – und spart dabei nicht mit Emotionen. „Für uns ist das kein gewöhnlicher Geschäftsschluss, sondern ein Abschied von einem Lebenswerk“, sagt sie. „Generationen von Familien haben bei uns eingekauft. Viele unserer Kundinnen und Kunden kennen wir seit ihrer Kindheit. Das macht diesen Schritt besonders schwer.“
Krisenjahre mit Langzeitfolgen
Den entscheidenden Einschnitt brachte die Corona-Zeit. „Als wir damals schließen mussten, sind die Umsätze komplett weggebrochen – die laufenden Kosten aber geblieben“, schildert Hölscher. Besonders bitter sei gewesen, dass große Handelsketten weiterhin Spielwaren im Sortiment führen durften, während inhabergeführte Fachgeschäfte geschlossen blieben. „Diese Zeit hat uns wirtschaftlich stark geschwächt. Wir haben uns nie vollständig davon erholt.“
Auch in den Jahren danach habe sich die Situation nicht stabilisiert. Steigende Energiepreise, allgemeine Unsicherheit durch internationale Krisen und eine zurückhaltende Konsumstimmung hätten sich deutlich bemerkbar gemacht. „Die Menschen überlegen sehr genau, wofür sie Geld ausgeben. Das spüren wir im Einzelhandel unmittelbar.“
Hinzu komme der anhaltende Trend zum Onlinekauf. „Große Plattformen bestimmen heute vielfach den Markt. Für kleinere Fachgeschäfte ist es schwer, da mitzuhalten – trotz persönlicher Beratung und Service.“ Zudem veränderten Digitalisierung im Kinderzimmer und sinkende Geburtenzahlen die Nachfrage dauerhaft.
Innenstadt im Umbruch
Eine weitere Belastungsprobe waren die umfangreichen Bauarbeiten in der Innenstadt im Zuge des Projekts EmsWärme. Seit vielen Monaten sei die Erreichbarkeit des Geschäfts erschwert gewesen.
„Wenn Straßen gesperrt sind, Parkplätze fehlen und Kundinnen und Kunden Umwege fahren müssen, überlegen sich viele zweimal, ob sie noch in die City kommen“, erklärt Hölscher. „Wir verstehen, dass Infrastrukturmaßnahmen notwendig sind. Aber für uns als innerstädtisches Fachgeschäft war diese Phase enorm herausfordernd.“
Auch das veränderte Arbeitsleben mit mehr Homeoffice habe Spuren hinterlassen. „Früher war tagsüber deutlich mehr Betrieb in der Innenstadt. Diese Frequenz ist spürbar zurückgegangen.“
Keine Perspektive trotz großer Anstrengungen
Aufgegeben habe man lange nicht. Das Geschäft wurde modernisiert, Sortimente angepasst, neue Ideen getestet. „Wir haben investiert, umgebaut und vieles ausprobiert. Doch unter den aktuellen Rahmenbedingungen ließ sich kein tragfähiges Zukunftsmodell mehr entwickeln.“
Auch die Suche nach einer Nachfolge blieb erfolglos. „Wir hätten uns sehr gewünscht, dass jemand das Geschäft weiterführt. Aber das wirtschaftliche Risiko ist derzeit einfach zu groß.“
Letztlich sei die Entscheidung unausweichlich gewesen. „Irgendwann muss man sich eingestehen, dass Herzblut allein nicht ausreicht.“
Dank an treue Wegbegleiter
Was bleibt, ist tiefe Dankbarkeit. „Wir sind überwältigt von der Treue, die uns viele Familien über Jahrzehnte entgegengebracht haben“, sagt Marion Hölscher. „Die persönlichen Gespräche, das Vertrauen in unsere Empfehlungen und die leuchtenden Kinderaugen – das alles nehmen wir als wertvolle Erinnerung mit.“
Bis Anfang Mai bleibt das Geschäft geöffnet. In den kommenden Wochen plant das Team besondere Aktionen und einen großen Räumungsverkauf. „Wir möchten uns würdig verabschieden – und vielleicht noch einmal vielen Menschen eine kleine Freude bereiten.“
Mit dem Ende von Pechers Spielparadies verliert Warendorf weit mehr als ein Ladenlokal. Es schließt ein Kapitel Stadtgeschichte – eines, das Generationen von Kindern begleitet und die Innenstadt über ein Jahrhundert lang mitgeprägt hat.
Zum Abschluss richtet Marion Hölscher noch einige wichtige Hinweise an die Kundinnen und Kunden:
„Bitte denken Sie daran, vorhandene Gutscheine rechtzeitig bei uns in Warendorf einzulösen“, appelliert sie. Diese könnten nur noch bis zur endgültigen Schließung Anfang Mai berücksichtigt werden.
Zugleich gibt es eine gute Nachricht für Kundinnen und Kunden aus dem Umland: Die Filiale in Oelde, Lange Straße 25, bleibt weiterhin geöffnet. Dort werde das Sortiment wie gewohnt fortgeführt.
Der große Ausverkauf im Warendorfer Stammhaus startet am 2. März 2026. „Wir laden alle herzlich ein, uns noch einmal zu besuchen – vielleicht findet sich ja noch ein schönes Stück Erinnerung an viele gemeinsame Jahre“, so Hölscher.
Mit diesem letzten Kapitel endet in Warendorf zwar eine lange Tradition – doch viele Erinnerungen an 103 Jahre „Tor zur Traumwelt“ werden bleiben.













