Ein Abend, der berührt: Ira Peter liest im Westpreußischen Landesmuseum
Große Resonanz auf Lesung „Deutsch genug?“
Der Raum war zu klein – und das im besten Sinne. Schon vor Beginn der Lesung von Ira Peter mussten zusätzliche Stühle herangeschafft werden, am Ende standen über 30 Menschen, um zuzuhören. Die Resonanz zeigte eindrucksvoll: Dieses Thema bewegt viele – und war längst überfällig.
Im Rahmen der Reihe „1. Warendorfer Fenster nach Osteuropa“ stellte Ira Peter ihr Buch Deutsch genug? – Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen im Westpreußisches Landesmuseum vor. Ein Buch, das persönlich und politisch zugleich ist – und mit hartnäckigen Vorurteilen aufräumt. Russlanddeutsche, so Peter, würden oft pauschal als russischsprachig, Putin-treu oder AfD-nah wahrgenommen. Doch die Realität sei deutlich komplexer.
Schon im Publikum wurde schnell klar, wie wenig über Russlanddeutsche bekannt ist. Dass es sich um deutsche Aussiedler handelt, war vielen neu. Peter spannte den historischen Bogen von den Siedlungen zur Zeit Katharinas der Großen bis zu den Deportationen unter Stalin. Auch ihre eigene Familie war betroffen: 1936 wurde ihr Dorf nach Kasachstan verschleppt. „Meine Familie hatte eine Woche Zeit, sich auf die Deportation vorzubereiten“, berichtete sie – andere hatten diese Zeit nicht. Die Schilderungen sorgten für spürbare Stille im Raum.
Lange habe sie als Kind versucht, diese Vergangenheit zu verdrängen, erzählte Peter. Dazugehören, nicht auffallen – das war ihr Wunsch. „Wenn es schlecht lief, dann waren wir einfach nur die Russen“, sagte sie. Aus diesem Schmerz heraus begann sie, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. In der Lesung las sie aus dem Kapitel „Das große Schweigen“, das davon handelt, wie viele Überlebende jahrzehntelang aus Angst vor dem Staat nicht über das Erlebte sprachen. „Ich habe ihre Stimmen und ihren Dialekt festgehalten. Das ist ein unglaublicher Schatz.“
Auch das Ankommen in Deutschland schilderte Peter differenziert: Während sie selbst das Land als „Gummibärchen-Paradies“ imaginierte, tat sich ihre Mutter schwer. Die Sprachbarriere und der Verlust der beruflichen Rolle ließen sie sich „nutzlos“ fühlen. Erst eine kurze Rückkehr nach Kasachstan machte deutlich, wie sehr sich der Blick durch das Leben in Deutschland verändert hatte. „Sie kehrte mit ihrer Seele zu uns zurück“, so Peter.
Kritisch setzte sich die Autorin zudem mit medialen Bildern der 1990er-Jahre auseinander, die Russlanddeutsche häufig als Problemgruppe darstellten. Dass vielen ihre Sprache unter Zwang genommen wurde, blieb dabei oft unerwähnt. Gleichzeitig betonte sie, dass es gerade zu Beginn auch viel Unterstützung und funktionierende Eingliederungsmaßnahmen gegeben habe.
Nach der Lesung blieb kaum jemand unberührt. Viele suchten das Gespräch, teilten eigene Familiengeschichten oder hörten einfach zu. Der große Andrang machte deutlich: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Russlanddeutschen ist nicht nur relevant – sie ist notwendig. Mit dieser eindrucksvollen Veranstaltung endete die Reihe „1. Warendorfer Fenster nach Osteuropa“ im Westpreußischen Landesmuseum.













