11. März 2018 / Allgemein

Die Energie, die in jedem steckt

„Die Runde Ecke“ in der Christuskirche in Warendorf

Die Energie, die in jedem steckt

Die Energie, die in jedem steckt

„Der Unfall war das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist!“ – Wenn ein Mensch, sichtlich behindert, so etwas sagt, dann muss eine Geschichte dahinterstecken. Bei Oliver, so wie bei allen, die am gestrigen Abend im Rahmen der Veranstaltung „Die Runde Ecke“ in der Christuskirche in Warendorf vor die Zuhörer getreten sind, gibt es eine Geschichte. Manche von ihnen sind bewegend, machen still, leise, demütig und zugleich dankbar, dass einem selbst ein derartiges Schicksal erspart geblieben ist. Zugleich machen sie beschämt über den eigenen Umgang mit (vermeintlichen) Katastrophen. Zeigen sie doch, welche Kraft, welche Energie andere haben, ihr Schicksal anzunehmen oder es zu überwinden.
Die Runde Ecke des WDR holt das wahre Leben auf die Bühne: Menschen erzählen von bewegenden Momenten. Persönlich und hautnah. Wahre Geschichten, echt und authentisch. Kleine und große Dramen. Liebe und Abenteuer. Beruf und Freunde. Heiteres und Bewegendes – die Themen sind so vielfältig wie das Leben selbst.

Schirmherr des Warendorfer Abends war Christoph Schulze-Zumloh, der seine Geschichte aus dem Rollstuhl erzählt. Viele Warendorfer kennen ihn, wenige sein Schicksal. Als er davon erzählt, schwankt seine Stimme zwischen fest und brüchig. Unfall 2008, vom Gerüst gestürzt, spürte sofort, dass seine Beine nicht mehr wollten. Rettungshubschrauber, Uniklinik. Seine Hand mit dem Notizzettel zittert ein wenig. Ein paar Erinnerungen sollen bewusst flapsig klingen, so als wolle er die Zuhörer nicht zu sehr belasten. Sie nehmen das dankbar an, lächeln zwischen der Stille, die sich an diesem Abend auch bei den anderen Erzählern immer wieder auftun wird.

Christoph erzählt, wie er neu sitzen lernen musste, ein „interessantes Erlebnis“, wie er sagt. Dass er in der gleichen Reha-Klinik war wie Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble. Er lobt seine Familie und sein soziales Umfeld, die ihm immer geholfen haben und freut sich, dass er einen neuen Job in seinem alten Tätigkeitsfeld hat. Er geht nicht allzu sehr in die Tiefe, aber den Zuhörern geht es für die erste Geschichte schon tief genug. Plötzlich erzählt er von seinem alten Wunsch, Fallschirm zu springen. Seine Frau habe ihm dann einen Tandemsprung geschenkt, den er mit strahlenden Augen beschreibt. Erst Theorie, dann rein in die Maschine. „Ich als letzter, denn ich musste ja als erster wieder raus“, lacht er. 60 Sekunden freier Fall. „Zeit zum Kotzen hatte ich nicht“, lacht er ins Publikum und das lacht zurück. Zufrieden nickt er und sagt „Super Erfahrung“. Und dann „Ihr seht, dass auch als Rollstuhlfahrer das Leben noch nicht vorbei ist!“

Ähnlich bewegendes, teils aber sehr fröhliches, greifen auch die anderen Erzähler des Abends auf. Eine mucksmäuschenstille Christuskirche als Anne von ihrem Alkoholismus berichtet, von der geschlossenen Psychiatrie und dem Löffel, mit dem sie als Suizidgefährdete ihre Bratwurst essen musste. Vom ersten Schultag ihres Sohnes, den dieser alleine absolvieren musste, weil sie im Vollrausch war. Und von ihrer langen Abstinenz, die sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist: Eine Rettungssanitäterin, die Menschen auch in jene Klinik fährt, in der sie damals auf der „Geschlossenen“ therapiert wurde.

Ganz anders die Geschichte von Werner Stock, Stadtführer in Warendorf und freier Mitarbeiter einer Lokalzeitung. Er nimmt die Zuhörer mit auf eine Rheinreise von sechs jugendlichen Pfadfindern in einer selbst geflickten Nussschale. 401 Kilometer, von Kehl bis Köln. Seine Anekdoten sind fröhlich, auch wenn die Mutter Oberin des Mädcheninternats auf der Rheininsel Nonnenwerth den Pfadfindern ihre Geschichte nicht glaubte, sie enttäuschenderweise nicht dort übernachten ließ, sondern verjagte. Bei Werner kommt der Wermutstropfen am Ende, wenn er vom späteren Tod eines der Gefährten erzählt und der verlorenen Freundschaft zu einem der anderen.

Alle Geschichten sind beeindruckend. Auch Luisa, die mit einer enorm selbstsicheren Ausstrahlung und strahlenden Augen beschreibt, wie sie mit der Selbstheilungskraft ihres Geistes eine Autoimmunhepatitis in die Schranken gewiesen hat, macht die Zuhörer staunen. Und ganz besonders bleibt Olivers Einstellung haften, der seine Stärke sich ins Leben zurückzukämpfen daraus gewann, dass er gelernt hat, Fehler zu loben, weil man aus ihnen lernt. Nach einem Unfall unverletzt bis auf eine schwere Gehirnerschütterung, konnte er nichts mehr. Essen, Gehen, Sprechen, Rechnen, Schreiben – alles musste er neu lernen. Trotzdem ist er nun Vater, war verheiratet, hat ein Haus und einen Hund. „Der Unfall war das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist!“, ist er sicher. Denn er hat bei ihm etwas wichtiges geweckt: „Die Energie, die in jedem steckt.“

„Die Runde Ecke“ in Warendorf wurde moderiert von Patrick Lynen und musikalisch begleitet von Lukas Schlattmann. Sie ist auch auf Youtube zu finden. Die Warendorfer Geschichten werden in wenigen Wochen dort zu sehen sein.

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