Vietnams älteste Elite-Universität erlebt derzeit einen Ansturm an Studierenden - obwohl der sogenannte «Literaturtempel» in der Hauptstadt Hanoi schon lange nicht mehr als Hochschule genutzt wird. Junge Leute aus vielen Landesteilen pilgern in Massen zu der berühmten Anlage namens Van Mieu-Quoc Tu Giam, um sich Glück bei den Ende dieser Woche beginnenden Aufnahmeprüfungen für die Universitäten des Landes zu sichern. Denn traditionell kursiert der (Aber-)Glaube, dass ein Besuch bereits die halbe Miete für ein erfolgreiches Test-Ergebnis ist. Aber auch junge Schüler und Schülerinnen hoffen, sich in der Anlage für anstehende Klassenarbeiten zu wappnen. Dabei gilt es unter anderem, den Kopf einer der Dutzenden steinernen Schildkröten zu berühren, die das Gelände säumen. Auf deren Rücken ruhen Stelen mit den Namen von mehr als 1000 erfolgreichen Absolventen aus längst vergangenen Tagen. Um die Schildkröten vor den Händen unzähliger Glückssucher zu schützen, sind diese aber seit kurzem eingezäunt. Als ein Junge sich über die Absperrung lehnt, um eines der Steintiere zu berühren, stürmt prompt ein Wärter herbei. Aber kein Problem: Weitere Talismane werden gleich vor Ort verkauft - nämlich knallrote Wandbehänge, auf die glückverheißende chinesische Schriftzeichen aufgemalt werden. Vor dem Verkaufsstand bilden sich regelmäßig lange Schlangen. Im Tempel beten derweil Mütter für den Erfolg ihrer Kinder. Die Nationale Universität wurde 1076 auf dem Gelände des Tempel Van Mieu gegründet, der dem chinesischen Philosophen Konfuzius gewidmet ist. Sie blieb rund 700 Jahre in Betrieb und bildete vor allem Söhne der Herrscher- und Aristokratenfamilien zu hohen Beamten aus. «Ich komme hier oft mit meinen Brüdern und Schwestern hin, um einen der Schildkrötenköpfe zu berühren, damit sie Glück bei ihren Prüfungen haben», sagt die Lehrerin Mai Thu Thuy. «Dies ist eine Tradition der Vietnamesen: Wir wollen, dass unsere Kinder wissen, wie unsere Vorfahren gelebt und studiert haben.» Nguyen Van Anh, die Ende der Woche ihre Uni-Aufnahmeprüfung ablegt, will im Literaturtempel vor allem Selbstbewusstsein tanken: «Ich weiß nicht, ob ich ein super Ergebnis haben werde, aber auf jeden Fall bin ich selbstsicherer nach dem Besuch hier - und das ist sehr wichtig.» Bei ihrem Bruder habe es vor drei Jahren geklappt, versichert sie.
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