30. Dezember 2022 / Aus aller Welt

Experte warnt: Gefahr von Weltkriegsbomben nicht gebannt

Bei Bauarbeiten werden regelmäßig Bomben und andere Kampfstoffe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Das hat Auswirkungen nicht nur auf die Anwohner. Wie lange müssen wir noch mit der Gefahr leben?

Eine entschärfte Weltkriegsbombe in Oranienburg.

Immer wieder werden Weltkriegsbomben gefunden, mitunter müssen dann Tausende Menschen in Sicherheit gebracht werden: Experten rechnen damit, dass in den kommenden Jahren von Blindgängern eine steigende Gefahr ausgeht.

«Wir befürchten, dass die Zünder durch Korrosionsprozesse im Laufe der Zeit empfindlicher werden und sich schneller auslösen können», sagte der Leiter des Munitionsbergungsdienstes Mecklenburg-Vorpommern, Robert Mollitor, der Deutschen Presse-Agentur. «Dann reicht womöglich nicht nur der Druck auf den Zünder für eine Detonation aus, sondern allein schon ein Bewegen des Kampfmittels.» Die Gefahr ist auch fast 80 Jahre nach Kriegsende noch nicht gebannt.

«Sprengstoff wie TNT ist chemisch stabil. Zu sagen, wir warten noch 100 Jahre, dann löst er sich auf - diese Hoffnung gibt es nicht», sagte Mollitor als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Kampfmittelräumdienste der Bundesländer. «Der Sprengstoff ist genauso aktiv und reißt heute ein genauso großes Loch wie damals.» Dass eine Bombe ohne Fremdeinwirkung detoniert, weil sich der Zünder zersetzt, kommt in Deutschland nach Einschätzung von Behörden statistisch gesehen einmal im Jahr vor.

Blindgänger in Bremen

Bundesweit werden im Schnitt pro Jahr etwa 1300 Tonnen Kampfmittel gefunden. Hunderte Blindgänger werden entschärft. Die meisten stammen aus der Zeit zwischen 1942 und 1945, als Deutschland aus der Luft bombardiert wurde. Die meisten Entschärfungen verlaufen ohne Komplikationen. Mitunter müssen Gebäude geräumt und Straßen gesperrt werden. Unklar ist, wie viel Munition noch unter der Erde liegt.

In Bremen wurden in diesem Jahr bis Ende Oktober rund 340 Bomben und Granaten sowie 350 Kilogramm sonstiger Kampfmittel beseitigt. «Man kann sagen, dass in Bremen jeden Tag Kampfmittel gefunden werden», teilte die Polizei mit. In Hamburg waren es dieses Jahr bislang mehr als 200 Weltkriegsbomben und Granaten. In Brandenburg sprach das Innenministerium von 140 größeren Sprengbomben, 800 Brandbomben und ebenso vielen Minen, 11 400 Raketen und rund 37 000 Granaten.

«Es passiert recht wenig mit Fundmunition, auch wenn sie grob aus dem Boden herausgeholt wird, etwa mit einem Bagger», sagte Mollitor. Dennoch kann es zu schweren Unfällen kommen. In Göttingen im Süden Niedersachsens wurden 2010 drei Mitarbeiter eines Kampfmittelbeseitigungsdienstes bei der Detonation eines Blindgängers getötet. 2021 wurden mehrere Menschen in München bei der Explosion einer Fliegerbombe an einer Bahnstrecke verletzt.

Bemühungen der Bauwirtschaft

Nach Einschätzung Mollitors sind Baufirmen mittlerweile viel vorsichtiger als in der Vergangenheit. So werden Baugrundstücke vorab auf mögliche Munition hin untersucht. «Früher hat man einfach losgelegt. Seit vielen Jahren gibt es Bemühungen der Bauwirtschaft auch der Berufsgenossenschaften, dass man die Risiken nicht akzeptieren möchte.» Der Verein zur Förderung fairer Bedingungen am Bau macht seit 2014 gemeinsam mit dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie in einem Merkblatt auf die Gefahren aufmerksam.

Darin heißt es, dass bundesweit etwa 1000 Städte und Orte von der Bombardierung betroffen gewesen seien. Demnach sollen Schätzungen zufolge noch 100.000 Tonnen Blindgänger im Boden liegen. Niedersachsen rechnet damit, dass die Zahl gefundener Weltkriegsbomben in den kommenden Jahren wohl noch steigen werde. Grund sind laut dem Landesinnenministerium viele Bauvorhaben - etwa beim Schienennetz, dem Glasfaserausbau und den erneuerbaren Energien.

Am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns macht Robert Mollitor deutlich, wieviel die Kampfmittelräumdienste noch zu tun haben könnten. 38 000 Hektar seien in dem Bundesland als stark belastet eingestuft worden, darunter 28.000 Hektar Wald. «20 Jahre brauchen wir, um Ortschaften zu schützen», sagte er. In Städten ist so etwas nach Einschätzung des Fachmanns nicht möglich. «Unsere Messgeräte können immer nur geomagnetische Anomalien feststellen, Eisen im Boden zum Beispiel. Davon gibt es in der Stadt natürlich unheimlich viel.»

Unter Häusern, die direkt nach dem Krieg gebaut wurden, könnten noch immer Weltkriegsbomben liegen. Dort sei damals nicht gezielt danach gesucht worden, sagte Mollitor und prognostiziert: «Wir werden noch 100 bis 150 Jahre Bomben in Städten finden.»


Bildnachweis: © Julian Stähle/dpa-Zentralbild/dpa
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