9. Dezember 2022 / Aus aller Welt

«Zeitenwende» zum «Wort des Jahres» gekürt

Der Angriff Russlands auf die Ukraine und seine Folgen spiegeln sich in den Top Ten zum «Wort des Jahres» deutlich wider. Mit «Zeitenwende» setzt sich ein Begriff an die Spitze, der nicht nur das militärische Ausmaß der Krise umreißt.

Die großen Krisen schlagen sich auch in der Wahl zum «Wort des Jahres» nieder.

Mit dem Satz «Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents» beginnt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) Ende Februar seine vielbeachtete Regierungserklärung zum russischen Angriff auf die Ukraine.

Der Begriff wird seitdem nicht nur häufig im Zusammenhang mit dem völkerrechtswidrigen Überfall verwendet - er ist nun auch zum «Wort des Jahres» 2022 gekürt worden: «Zeitenwende» sei unter den rund 2000 Einsendungen das häufigste Wort gewesen, und auch jedes Jurymitglied habe es auf dem Schirm gehabt, sagt der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), Peter Schlobinski, am Freitag in Wiesbaden.

Mit der Wahl ist keine Wertung verbunden

Die zentrale Bedeutung des Begriffs beschränke sich nicht auf Gesellschaft und Politik, sondern spiegele auch die Sorgen und Ängste der Menschen wider. Die GfdS wählt regelmäßig Begriffe aus, die das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in Deutschland in einem Jahr sprachlich besonders bestimmt haben. Mit der Kür sind keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden.

Scholz hatte unter anderem mit seiner Regierungserklärung vom 27. Februar 2022 den Begriff «Zeitenwende» im Zusammenhang mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine geprägt. In der Rede kündigte er ein einmaliges «Sondervermögen» von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr an. Bereits einen Tag vorher hatte Scholz bekannt gegeben, dass Deutschland die Ukraine militärisch unterstützen wolle, und dabei auch das Wort verwendet. Beide Entscheidungen waren Wendepunkte in der deutschen Sicherheitspolitik.

In diesem Jahr stehen sieben der zehn «Wörter des Jahres» in Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg, unter anderem auch «Gaspreisbremse» (Platz 3), «Inflationsschmerz» (Platz 4) oder der «Doppel-Wumms» (Platz 6), mit dem die Ampelkoalition neben der Deckelung des Gaspreises auch eine Strompreisbremse ankündigte, um die explodierenden Energiekosten zu dämpfen.

Extrem wirksamer Begriff

Die «Zeitenwende» habe durch die Scholz-Rede nicht nur eine hohe Prominenz erfahren, sagt Albrecht Plewnia, Experte für Sprache im öffentlichen Raum beim Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Der Begriff beschreibe zutreffend, dass sich mit dem russischen Angriff fundamentale Parameter verschoben hätten. Betroffen seien mehrere gesellschaftliche und politische Komplexe - von der Verteidigungspolitik über die Energiewende bis hin zum deutschen Verhältnis zu China.

Aus wissenschaftlicher Sicht sei «Zeitenwende» zudem ein Beweis für die Leistungsfähigkeit von Sprache - indem sie mit bereits bekanntem Material neue Bedeutungen transportieren könne, sagte Plewnia.

Nach Einschätzung der Magdeburger Sprachwissenschaftlerin Kristin Kuck war das Wort 2022 «politisch extrem wirksam». «Es wurde ja zuerst von Olaf Scholz verwendet, um zu begründen, warum eisern verteidigte Prinzipien in der Politik plötzlich nicht mehr - oder zumindest nicht mehr im gleichen Maße - gelten sollten.» Genau in dieser Begründungskraft liege die große Brisanz dieses Wortes, «wenn es nicht mehr dazu verwendet wird, das Gewicht geschichtlicher Ereignisse zu bestimmen, sondern um zukünftige Handlungen zu legitimieren», erklärte Kuck.


Bildnachweis: © Frank Rumpenhorst/dpa
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