17. Februar 2018 / Allgemein

Mr. Ed‘s – Mit dem Kult stirbt auch Kultur

Unterschriftenaktion gestartet – näheres am Ende des Textes.

Mr. Ed‘s – Mit dem Kult stirbt auch Kultur

Mr. Ed‘s – Mit dem Kult stirbt auch Kultur

Unterschriftenaktion gestartet – näheres am Ende des Textes.

Ralle, Inhaber der Kultkneipe Mr. Ed‘s in Warendorf und mit bürgerlichem Namen Ralf Friedrich, sieht geschlaucht aus. Zum Teil ist der Schnupfen daran schuld. Aber verschnupft ist er aus anderen Gründen. „Das Traurige ist, dass Reden nicht hilft! Ich hab‘ immer wieder gesagt: Lasst uns hinsetzen und reden und eine für alle tragbare Lösung finden“, sagt er in einem Tonfall zwischen wenig Kampfeswille und viel Resignation.

Aber solche vernünftigen Gespräche fanden keine Gegenliebe. Stattdessen gibt es eine kostenintensive Klage, mit Gutachten und allem was die Juristerei schön teuer macht. Wegen Lärmbelästigung durch die Musikkneipe Mr. Ed‘s. In der mitunter auch Gruppen spielen, darunter junge Bands, die hier eine Chance erhalten. Kultur und Kult spielen Hand in Hand. Und das Mr. Ed‘s ist fester Bestandteil der Warendorfer Kneipenkultur.

„Musik wird als störend oft empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden“, so Wilhelm Busch. Doch es geht nicht um die Musik. Die Zeiten wo Peter Alexander von der kleinen Kneipe sang, wo „aus einer offenen Türe Musik auf den Gehsteig hinaus“ dringt, sind beim Mr. Ed‘s längst vorbei. Ralle hat mit großem Kostenaufwand vor- und nachgesorgt. Lärmschutz wird hier groß geschrieben.

Es geht um die Menschen! Um den Lärm, der von ihnen ausgeht, weil sie nicht nur in der Kneipe sind, sondern u.a. zum Rauchen nach draußen gehen. Und da weiter feiern und reden. Weiß auch Peter Alexander. „Man redet sich heiß und spricht sich von der Seele, was einem die Laune vergällt“, singt er. Klingt romantisch.

Den Klägern aber vergällt genau das die Nachtruhe. Sagen sie und klagen deswegen. Wie es eben so ist. „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, lässt Friedrich Schiller seinen Wilhelm Tell sagen. Nun will niemand den Nachbarn per se Boshaftigkeit unterstellen, aber es gibt einige Ungereimtheiten. Zum Beispiel, dass einer der drei Klagenden selber Wirt ist. Ist es verwunderlich, dass somit auch die Frage nach Neid im Raume stand? Und dass mindestens(!) zwei der drei klagenden Parteien längst nicht mehr persönlich betroffen sind und somit eigentlich keinen Grund mehr haben, die Klage weiterzuführen.

Eigentlich. Und doch wird am 27. Februar in Münster vor Gericht ein Urteil fallen, das nicht nur einem jungen Mann, der mit Leib und Seele Gastronom ist, die Rente versauen kann, sondern gleich seine ganze Existenz kosten könnte. Obwohl er teuer eine Security bezahlt, die für Ruhe vor dem Mr. Ed‘s sorgt. Aber nicht sonstwo in der Emsstraße, wo noch zwei weitere Kneipen sind. Und die zudem als Einfallstor für die Altstadt gilt, wo manche bereits grölend ankommen, ohne überhaupt ins Ed's zu wollen. „Sag ’nem Taxifahrer, er soll dich in die Stadt bringen. Wo hält er? Hier!“, lacht Ralle.

Für den Lärm all dieser Leute wird er verantwortlich gemacht, obwohl er diesbezüglich machtlos ist. Als er noch ein Beispiel gibt, zeigt er das große Dilemma auf, in dem die sterbende Emsstadt steckt: „Das Honky Tonk verteilt sich auf immer weniger Kneipen, aber die Menge der Zuschauer ist gleich geblieben. Und ein Einlassstopp, weil es voll ist, bedeutet, dass Leute die ihre Freizeit genießen wollen, vor der Türe warten (müssen). Klar dass die Geräuschpegel die in einer Kirche überschreiten!“

Das zeigt zugleich das Ausmaß der Misere. Zitat Ralle: „Immer weniger Kneipen“. Der „Zeitgeist gegen die Lebensfreude“, wie es ein bekannter Warendorfer Künstler und Kunstverständiger mit viel Verstand bezeichnet, greift immer weiter um sich. Und ja, die Zahl der Senioreneinrichtungen in der Kreisstadt liegt mittlerweile zumindest gefühlt über der Zahl der Kneipen.

Und Ralle hat ein weiteres Problem. Die ehemalige Schusseligkeit der Behörden. Seine Konzession ohne Öffnungszeitbeschränkung dürfte er eigentlich gar nicht haben, denn das Baurecht sieht hier nur ein Café. Zwar müht man sich in der Stadt um eine rechtssichere neue Konzessionierung, die dann noch im Prozess neue Fakten schaffen würde, aber es dauert. „Wir wollen keinesfalls der Totengräber für das Mr. Ed‘s sein“, heißt es aus der Verwaltung. Doch wenn es nicht fix weiter geht, wird zumindest „unterlassene Hilfeleistung“ daraus. Denn die aktuell von den Klägern angebotenen Öffnungszeiten sind so ungeeignet für den Wirt, dass er Pleite gehen würde.

„Die kleine Kneipe in unserer Straße, da wo das Leben noch lebenswert ist“, so der Songtext. Für Ralle ist es das kaum noch. Sein Angebot, es frei nach Peter Alexander zu tun – „Bei Korn und bei Bier findet mancher die Lösung für alle Probleme der Welt“ – steht noch immer. Für die anfallenden Prozesskosten hätte er bei den Klägern schönsten Schallschutz einbauen lassen können. Alles nicht gewünscht.

Nicht gewünscht ist aber auch das weitere Sterben der Kneipenkultur – und damit auch eines großen Stücks allgemeiner Kultur – in der 34.000 Einwohner zählenden Stadt. Hunderte und mehr Freunde des Mr. Ed‘s, die sich nicht vom Egoismus einiger ganz weniger terrorisieren lassen wollen, haben eine Unterschriftenaktion ins Leben gerufen, um ihre Solidarität mit dem Mr. Ed‘s zu zeigen. Im Ed‘s, in der Frieda und bei Darup liegen diese Listen aus. Natürlich geschieht das auch aus einem gewissen Egoismus. Aus dem Egoismus derjenigen, die sich die bundesweit als „Stadt des Pferdes“ bekannte Kreisstadt Warendorf als bunte, lebendige, lebenswerte und liebenswerte Stadt wünschen. Nicht als Friedhof der Kneipenkultur – und Kultur.

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